Populismus
Ausschnitt aus dem Wochenbericht 35/24 vom 07. Sep. 2024
(Teaser des Wochenberichts)
In Europa setzen die Wähler:innen ihre Hoffnungen auf populistische Parteien. Im demokratischen Diskurs erzielen deren Themen in immer größen Maße Deutungshoheit. Das hat auch Konsequenzen für die Kapitalanlage. Bayer profitiert hiervon.
Referenz Bayer
Wie schwierig es ohne staatliche Subventionen ist, fatale Managementfehler zu korrigieren, zeigt Bayer. Die Übernahme von
Monsanto war die größte Zäsur im Unternehmen.
Allerdings ist der Fall nur bedingt vergleichbar. Bayer hatte nur das Problem, für finanzielle
Folgeschäden des Geschäftsbetriebes von Monsanto haften zu müssen. Darüberhinaus war und ist die
Unternehmensstrategie zielführend. Bei VW ist es umgekehrt. Der Konzern hat den Dieselskandal finanziell gut verkraftet und steht nun
ohne eine tragfähige Unternehmensstrategie da.
Die Bayer-Aktie zeigt, welche Ausdauer bei Turnaround-Spekulationen nötig ist. Der Aktienkurs ist von 140 € im Jahr 2015 auf fast 25 € zurückgekommen und dümpelt nun knapp unterhalb von 30 € pro Aktie herum. Immerhin hat die Entscheidung, die Dividende auszusetzen, den weiteren Preisverfall gestoppt. Das zeigt ein Blick auf die kurzfristige Preisentwicklung. Zuletzt ist die Korrelation mit dem Gesamtmarkt gebrochen. Die Preisentfaltung der Aktie hat sich in den letzten Wochen vom Leitindex abgekoppelt. Es sind nicht mehr die Fluktuationen passiver Anlageinstrumente, die auf den Einzelwert durchschlagen; vielmehr prägt langfristiges (institutionelles?) Kaufinteresse das Geschehen.
Turnaroundspekulation
Die Bayer-Aktie ist derzeit eine der interessantesten Papiere am hiesigen Kapitalmarkt. Die Metamorphose des Konzerns scheint abgeschlossen, Monsanto ist in den Konzern integriert. Der Kapitalmarkt hat in den vergangenen Jahren immerfort neue Risiken eingepreist.
Man kann nun mit einem Aktienkauf auf steigende Marktpreise hoffen. Das Chance-Risiko-Profil ist asymmetrisch. Deshalb bietet sich alternativ eine modifizierte Stillhalter-Optionsstrategie an. Dazu schreibt man kontinuierlich Stillhalter-Optionen und erzielt eine Basisrendite von etwa 10 Prozent pro Jahr. Die Einnahmen aus einigen Stillhaltergeschäften investiert man in langlaufende Call-Optionen.
Sollte die Aktie noch eine Weile auf dem aktuellen Niveau stagnieren, behält man die Basisverzinsung. Sollte die Aktie aus einem noch unbekannten Grund plötzlich anspringen, verhalten sich die Call-Optionen wie die Aktie selbst. Schließendlich kann man sich die Aktien zum Ende der Laufzeit (ca. 2028) auch einbuchen lassen. Vorher spiegelt das Chance-Risiko-Profil der Anlagestrategie die Kapitalmarktrealitäten. Zusätzlich glänzt dieser Ansatz durch eine deutlich reduzierte Kapitalbindung.
Moral muss hinten anstehen
Die Perspektiven eines integrierten Agrochemie- und Pharmaunternehmens sind unter aktuellen und vermutlich auch zukünftigen poltischen Rahmenbedingungen ausgezeichnet. Selbst ein grünes Agrarministerium kam 2024 nicht umhin, den Klagen der industriellen Apfellobby nachzugeben. Wegen vermeintlichem Pilzbefall liess man das in der EU verbotene, potenziell karzinogene Fungizid Folplan in Apfelplantagen zu. Die geernteten, makellosen aber giftigen Äpfel können nur in Deutschland verkauft werden, vermutlich auch nur mit einem Preisabschlag.
Die Episode zeigt, wie geschickt Pharmakonzerne Ministerien mit schwacher politischer Leitung für ihre Interessen einspannen.
In den Niederlanden schießt die Landwirtschaftsministerin (Bauernpartei) mühsam erzielte Kompromisse für eine klimaneutrale Landwirtschaft mit Verve in den Papierkorb. Auch dort frohlocken die Agrochemie-Konzerne.
Auch ein Blick nach Japan zeigt Potenziale. Dort hamstern die Massen gerade Reis. Vieles erinnert an die Klopapier-Mania des Jahres 2020 in Deutschland. Weil die Reisernte 2024 um ein Drittel niedriger ausfällt (Stichwort Klimawandel), sind die Reispreise um 60 Prozent gestiegen. Die Regierung hält am Importverbot für Reis fest. Also legen sich die Familien Mehrjahresvorräte des knappen Guts an. Plötzlich sind die Regale in den Geschäften leer; Onlinehändler veranstalten Auktionen und losen Gewinner für die Lieferungen aus.
Der nächste Schritt ist vorhersehbar: Die Auflagen für den Reisanbau werden gelockert, damit die Ernte im kommenden Jahr üppiger ausfällt, inklusive einer Ausweitung der chemischen Keule.
Der Klimawandel spielt der Agrochemie in die Hände. Den Kapitalisten freut es, Biodiversität und
eine lebenswerte Umwelt bleiben auf der Strecke; die CO2-Intensität der Landwirtschaft steigt eher noch.
Auf der anderen Seite hält sich die Empathie